Kinderzeichnungen sind nicht nur Inspiration für Künstler/-innen in der Zeit nach 1945, für CoBrA Künstler, sondern schon zuvor haben Künstler sich mit Kinderzeichnungen auseinandergesetzt, sie betrachtet und genauer untersucht.
Ungefähr 1990 habe ich eine Gruppe Kinder am Nachmittag betreut und mit ihnen gezeichnet. Es hat mich interessiert, zu erleben, was Kinder aus vorgegebenen Themen machen, welche eigenen Ideen sie mitbringen und wie die Zeichnungen künstlerisch zu werten sind.
Die Erfahrungen waren wichtig für meine eigene künstlerische Arbeit und ich habe eine kleine Sammlung Kinderzeichnungen aus den Jahren 1990 bis 1992 behalten. Aus dieser Sammlung zeige ich den „Fliegenden Robert“.

Diese Zeichnung stellt die Geschichte aus dem Buch Der Struwwelpeter dar, welches 1844 von dem Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann geschrieben worden ist.
Man mag den Inhalt aus heutiger pädagogischer Sicht ablehnen, interessant ist doch, dass 1990 ein sieben- oder achtjähriges Mädchen von der Geschichte so beeindruckt war, dass sie diese zeichnerisch verarbeitete.
wikipedia: „Die Geschichte vom fliegenden Robert
Der fliegende Robert hält es bei wildem Wetter nicht in der Stube aus, und der Sturm trägt ihn davon.
Im gewissen Sinne bündelt diese letzte Geschichte poetisch und sachlich die Eigenart des ganzen Buches: (1) Der kindnahe Blick des Autors, der gerne wie sie das besondere Schicksal der Sachen zeichnerisch und textlich im Auge behält (so auch die Mappe des Hanns Guck-in-die-Luft), nimmt den pädagogischen Lehren das Aufdringliche und reizt die Phantasie. Hier ist es das Sonderschicksal des Hutes und der Luftball-Effekt des Schirmes. (2) Seine Erziehungsprobleme müssen nicht die heutigen sein, ihre Lösungen auch nicht – sie sind aber immer realistisch: Vor der Industrialisierung war ‚die Natur‘ für Kinder sehr viel feindseliger; und dass Kinder aus Leichtsinn Gefährliches begehen, weil sie es nicht überschauen, hat sich nicht geändert.“

Betrachtet man die Bilder, die Heinrich Hoffman zu der Geschichte entworfen hat, ist zu bemerken, dass das Mädchen einen eigenständigen Entwurf des fliegenden Roberts geschaffen hat.
Für mich faszinierend ist die Zeichnung der Figur in der absteigenden Diagonale, doch die Figur fällt nicht hinunter, sondern fliegt tatsächlich links aufwärts.

Tatsächlich hat die Zeichnerin völlig unbewusst so viele Gegendiagonalen eingebracht, dass das gesamte Bild in einem interessanten Wechselspiel verbleibt.

Aufwärtsgerichtete Diagonalen bilden das „t“ mit den beiden Fußenden, der Abschluss des Körpers oder der Kleidung, die Hand !!!, dann der kleine, aber bedeutende Schirm mit der unteren Kante, fortgeführt im Hut und sehr erstaunlich ganz aus dem Gefühl heraus gesetzt die Schraffur in der Gewitterwolke.
Solche Zeichnungen haben mich begeistert und darin bestärkt, zu erforschen aus dem Unbewussten zu improvisieren, wie es die Surrealisten oder die L’art brut Künstler/-innen praktizieren.
26.06.2026 Gu
