26.02.2026 Improvisation und Wiederholung – ein Widerspruch ?

Eine Form ist eine These, eine zweite Form ist eine These – ob eine These eine Antithese ist, kann nur durch den Grad der Unterscheidung festgestellt werden –

ist die zweite Form der ersten Form im Allgemeinen ähnlich, ist die Form eine Variation

ist die zweite Form von der ersten Form weitgehend abweichend, ist die Form eine Antithese

These und Antithese führen zu einer neuen einer dritten Form, die weder eine Variation der einen noch eine Variation der anderen zweiten Form ist, sondern ein Drittes – eine Synthese bildet. Es gibt also keine Wiederholung.

Will ich aber die erste Formerfindung bewahren und üben, damit diese Form in den persönlichen Kanon aufgenommen werden kann, muss ich diese Form wiederholen.

D.h. die erste Form, welche als Erfindung eine Improvisation darstellt, muss von dem Erfinder wiederholt werden können und stellt somit durchaus eine Wiederholung der Improvisation dar.

Was wiederum bedeutet, dass Improvisation und Wiederholung keinen Widerspruch bilden.

Wiederholung der ersten Improvisation ist Wiederholung der ersten erfundenen Form, meist die erste Form mit geringen Abweichungen – also eine Variation.

In der Musik wird versucht, die erste Improvisation, die Erfindung einer Melodie z.B. durch Noten zu fixieren, damit die Erfindung nicht verloren geht.

Noten führen zu einer exakten Wiederholbarkeit der ersten Erfindung, weil Noten eine feste Norm sind.

In der Zeichnung, in der Malerei, in der Bilderfindung, in der visuellen Kunst gibt es keine festgelegten Noten, jedoch wie z.B. Kandinsky in „Punkt zur Linie und Fläche“ beschrieben hat einen Grundetat, ein Grundrepertoire.

Der Punkt durch Aufsetzen des Stiftes, die Linie durch Ziehen des Stiftes, durch Verbreitern der Linie mittels Pinsels die Fläche.

Dieser Grundetat oder dieses Grundrepertoire, das Künstler ebenso wie frei improvisierende Musiker erweitert haben und nutzen, ist wiederholbar.

Jackson Pollock hat seine rhythmischen Gemälde mit Flecken , Klecksen, Farbspuren gestaltet, die er bewusst wiederholen und gestalterisch frei einstzen konnte.

Diese Spuren bilden sein eigenes Repertoire, Karl Otto Götz hat als Informeller ein ebenso individuelles Repertoire, genauso Asger Jorn oder Carl Henning Pedersen und viele weitere …

Chaim Soutine ist als Künstler mit sehr individuellem außergewöhnlichem Repertoire zu nennen, wenn wir in der Kunstgeschichte weiter zurückgehen.

Worauf will ich hinaus ?

Auf das individuelle Formenrepertoire, das wiederholt d.h. bewusst hervorgerufen, eingesetzt werden kann.

Seien es quietschende Töne auf einem Saxophon oder Hiebkritzel auf dem Zeichenkarton – beides ist individueller Ausdruck – Improvisation und Wiederholung zugleich. Kein Widerspruch !

22.02.2026 Gu

Die oben abgebildete Folge von drei Zeichnungen zeigt eine Umkehr-Erfindung, denn wie in dem Beitrag zu „Chiffre“ beschrieben, wird das Blatt beim Zeichnen gedreht und von allen Bildkanten aus betrachtet, bevor die Figuration vollendet wird. Diese Umkehrfigur habe ich spontan „Jemandem die Zähne zeigen“ betitelt.

22.02.2026 Gu